Ein wohlmeinender Freund reichte mir jüngst einen email-Newsletter der “simplify”-Macher weiter. Weil ich gerade zu tun hatte, klickte ich auf “Drucken”, ging Tee kochen, aufs Klo und warf mir - grippebedingt - die Tagesration Medizin ein. Als ich zurückkam, druckte es immer noch: erst die 13. von 20 Seiten ? Hm. Sollte es nicht um Vereinfachung gehen ? Können bzw. sollten gute Gedanken - zumal in einem NEWSLETTER - nicht in der berühmten Nussschale präsentiert werden ?
Bei späterem Lesen bestätigten sich erste Befürchtungen, denn rund 3/4 des Textes waren Lobpreisungen der simplify-Methode. Tenor: “finde Lebensglück”, “genieße ein Leben ohne Ängste und Sorgen” mit “simplify” ! 10 Paar Socken im Schrank ? What ? Du brauchst nur fünf ! Geschirr, Hemden, Finanzen, Beziehungen -mutatis mutandis- dito ! Das Nervige: warum wird die Botschaft alle paar Zeilen wiederholt ? Bin ich debil ? Die Penetranz der suggestiven Verkaufsargumentation ist kaum auszuhalten. Eigentlich schade, denn verschüttet im Universum des gedruckten Verbalspams sind ja nicht unkluge und unberechtigte Ideen zur tatsächlichen Vereinfachung von Leben enthalten und natürlich sind Dankbarkeit, Gelassenheit, Glück und Zufriedenheit absolut erstrebenswerte Güter bzw. Seinszustände.
Aber die erschließt man sich angesichts einer solchen Präsentationsform wohl besser andernorts - denn Vereinfachung impliziert in meinen Begriffen Geduld, Muße, Originalität & Individualität und eben nicht die schulmäßig verplante, durchorganisiert bevormundende Strukturierung von Veränderung im Abarbeitsmodus. Die Einspeisung bzw. das Ausschlachten von Lebenshilfen in bzw. durch die Mühlen der Profitmaschinerie verwurstet und verorganisiert annehmbare Ideen derart, dass simplify-Konsumenten mitunter einem famosen Paradoxon begegnen: bedürftig (oder: konditioniert) nach Vereinfachung wird ihnen ein so komplexes Aufgabenpaket serviert, dass der Zeitaufwand zum Entrümpeln bzw. der Identifikation wirklich guter Infos (von der UMSETZUNG ganz zu schweigen) vielleicht doch besser ins Socken (30 Paar !) sortieren investiert werden sollte. Denn dabei hat man Muße zum Nachdenken, z.b. über Kants Diktum “sapere aude ”
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complexify - evolve ( alternativ ) !
dfn
Veröffentlicht in Alltag | Schlagworte: Alltagsvereinfachung, complexify, Lektüre, schönes Leben, simplify-Konzept

