… ist nicht nur der Titel eines knalligen Hardcoresmashers von vor Hundert Jahren und der Band YouthYouthYouth, nein, es wurde auch der Slogan für meine erste Klassenfahrt. In den wenigen stillen Momenten nahm ich mein Notizbüchlein zur Hand und bedachte, was sich tat. Hier die Rekapitulation.
Tag 1 – Antibiotikum
Ankommen. Zimmer verteilen. Betten machen – muttimäßig packe ich mit an, damit die Knirpse [6. Klasse] sich nicht auf nackte Matratzen legen. Kuscheltiere, Kameras, Mp3-Player, Kekse, Schnuckkram. Es wird ausgebreitet und angekommen. Dann: Essen fassen. Was für ne Lautstärke ! Wehwechen hier, Vegetarier da, Allergiker dort, Erkältungen allenthalben. Der Herbergsvater kommt an den Tisch.
„Hier ist dann auch der Schlüssel für das Betreueraufenthaltszimmer. Dort gibt es einen Kühlschrank, da hab ich auch das Antibiotikum reingetan !“ Breite Grinsen und dankbare Blicke, aber: ein Missverständnis. „Ja, eine ihrer Schülerinnen hatte was von ihren Eltern mitbekommen, das musste kaltgestellt werden.“ Ach so.
Später am Tag verfolge [dankbare Aufsicht
] ich ein gediegenes Fußballspiel im angrenzenden Schloßpark. Hohes Niveau von kleinen Talenten. Neben z.T. wundervollen Spielzügen und unermüdlichem Einsatz auch eine erstaunliche Schrittgreiffrequenz, ständig wird das Nusswerk gezwickt. Posen wie die Großen.
Der Knüller dann in der Nacht: Kotzen vor Heimweh. Kannte ich bis dato auch noch nicht. Mussten sie aber durch. Zumindest die erste Nacht. Dachte ich. Nachdem zwei der Wimps gegen 2.00 Uhr nachts von ihren wenig begeisterten Eltern abgeholt worden waren, fiel ich komatös ins Bett. Was für ein netter Einstand.
Tag 2 – Porno-Kalle
Mich hatte es noch nett erwischt. Auf meinem Flur nur ein Jungenzimmer, gesittete Buben obendrein. Doch der seltsame Reiz des Vulgären erwischte auch sie. Schreien und Stöhnen kommt aus dem Zimmer, ich schaue nach. Halbnackte Jungs springen herum, einer hat sich bei irgendwas gefilmt. Sie freuen sich an der Simulation. Frühreif hin oder her, Medienkoma ebenso, ich fands reichlich unoriginell. Also: Hemden an und Kamera aus. Andererseits: Ist Autoerotik nicht ohnehin die erste sexuelle Erfahrung, die Heranwachsende so machen ? Wieder andererseits: Die Öffentlichkeit machts zum Vulgären, daher: strenge Blicke und mahnende Worte vom Daddy.
Der Tagesausflug führt auf einen Bio-Bauernhof. Noch mehr Klischees wären wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Zur Begrüßung der Spruch: „Das Leben ist zu kurz für Scheibenkäse und Formschinken“. Zur Führung eine Fundi-Frau aus dem Lehrbuch. Ungeachtet der Tatsache, dass vor ihr eine Horde Kinder steht, wird gegen unartgerechte Tierhaltung gewettert, der eigene Hof in den höchsten Tönen gelobt wie in der lausigsten Broschüre nicht gesehen. Beim Gang durch die hauseigene Käserei können wir einen Erstickungstod simulieren, selten so viele verzerrte Kindergesichter gesehen. Nun ja, Käse kommt eben nicht nur aus dem Tiefkühlregal und: „Hände weg von Scheiblettenkäse, was da alles drin ist, hua !“
Anschließend ein Fußmarsch zurück zur Basis. Gefühlte 3 Tage dauert die Wanderung, als wir nach knapp 2,5h ankommen, sind die Kleinen rechtschaffen müd. Die beste Strategie für eine ruhige Nacht. Vorher aber noch: Billardworkshop mit dem freundlichen Referendar. Irgendein Naseweis wollte unbedingt gegen mich zocken und er blieb nicht der einzige. Ein Abend währte mein Ruhm, dann führten Konzentrationsschwächen [ich versenkte die 8 zu früh] zu meiner ersten Niederlage. Der Mythos war gebrochen, ich als Billardpartner uninteressant. Auch egal. Fortan war ich Aufseher und Tippgeber. Außerdem am Tischkicker noch ungeschlagen, was mein Ego noch ein wenig zu stützen vermochte.
Tag 3 – Disco & Drama
Die Tagestour nach Eisenach, inkl. Führungen und Wartburgbesuch war wirklich nett und interessant, die Kleinen knipsten wie die Berserker (und ich dachte, nur ein Mobilfon sei die Standardausrüstung), aber all das verblasste erbarmungslos vor dem Höhepunkt der Woche: Dem Diskoabend ! Was nach dem Essen folgte, hatte ich so nicht erwartet.
Dabei begann die Party gediegen: Aufgetakelte Mädels, abgehangen coole Jungs, Vertreter der langmähnigen Metallerfraktion in seit Tagen getragenen Metallica-Shirts, Normalos mit verstohlenem Blick, hysterische Grüppchen von Mädels und knallende Türen. Im Partyraum gefühlte 50Grad Celsius, schweißüberströmt und mit klebenden Klamotten fiel mancher heraus, andere gingen gar nicht erst rein. „Der spielt nur son Scheiß, gar nicht unsere Mucke !“, beschwerten sich die Metaller, während sie sich im Internet an Geschicklichkeitsspielen versuchten. Später kamen sie doch noch zu ihrem Glück, der Club war wie leergefegt, doch die zwei ließen zu Metallicas „Fight Fire with Fire“ (aus der trashigen Frühphase der Band) gepflegt die Matte kreisen und freuten sich wie die Schneekönige. Als Abschluss nochmal der laut DJ Burner schlechthin ["Was geht ab ?"], Mitgröhlfaktor 1000, dann ging auch schon das Licht an und Xavier Naidoo wurde nicht unangemessen als Rausschmeißer eingespielt.
Und dann gings erst richtig los. Während sich die coolen Jungs von der Disse zum Fußball gucken verabschiedeten und für die Mädels nur ein überlegen-verschmitztes Lächeln übrig hatten, spielten sich auf den Fluren shakespearehafte Dramen ab. Kurz gefasst verlief der Abend so: Massenheulen wg. Liebeskummer, in fast jeder Ecke lag entweder ein männliches oder weibliches Opfer der Liebe. Auf einem Flur hatte ein holder Jüngling es irgendwie hinbekommen, mit zwei Mädels gleichzeitg anzubandeln, eine naturgemäß anstrengende Konstellation, die nun ihren Tribut forderte. Daneben wurde Heimwehabholerin Nr. 3 notiert und vier chillige Crusties saßen kopfschüttelnd bei einem Gläschen rotem Traubensaft und sehnten die Nacht herbei.
Tag 4 – Immer im Dienst [für die gute Sache]
„Oh mann, Herr L., selbst auf einer Wanderfahrt sind sie der GL-Lehrer !“ Kopfschüttelnd zeigten die vier Jungs auf mein T-Shirt. Kopfschüttelnd erklärte ich ihnen den Kontext. Nicht überall müssen Längengrade interpretiert werden ! Dabei hab ich nicht mal Erdkunde studiert ! Übermäßig viel Pädagogik übrigens auch nicht, trotzdem galt es einen kühlen Kopf zu bewahren, als sich am letzten Abend latente Missstimmungen zu einer emotionalen Tidal Wave auftürmten. Im Zimmer vor meinem hatte es Zoff gegeben, kurzerhand wurde der Störenfried herausgeschmissen. Ein Stockwerk drunter wurde er aufgenommen, willfährige Helfer holten seine verstreuten Klamotten einzeln ab. Wie in einem schlechten Gangfilm erschienen finster dreinblickende Jungs und riefen wahlweise „kommt raus ihr …piep..piep..piep“ oder „lass mich da rein, Herr L. ich muss denen was sagen !!“ Aufgebrachte Mädeln berichteten vom Nervous Breakdown des Geschassten, während ich mich bemühte, beide Seite zu einer sachlichen Auseinandersetzung anzuhalten. Zum Glück war bald Essenszeit. Frostige Atmosphäre am Jungenstisch, der Delinquent war von den Mädels aufgenommen worden, was ihm sichtlich nicht unangenehm war. Das gemeinsame Gesprächs- und Moderationsangebot wurde von nur einer Gruppe angenommen. Die anderen verweigerten sich. Während ich mir noch Gedanken machte, diese kleinen aufgebrachten Individuen in ihrer Aufgekratztheit zu würdigen und ihnen Raum zur Entfaltung zu geben („wenn ihr nicht miteinander reden könnt, schreibt doch erstmal alles auf, das machen die anderen dann auch, dann haben wir eine Grundlage für sachliche Auseinandersetzung etc. pp.“) hatte der zweite männliche Betreuer schon einen anderen Weg gefunden: Nacheinander sperrte er die Jungs einzeln zueinander, unter seiner Aufsicht erfolgte die Aussprache. Größtenteils auch mit Erfolg. Nun, vielleicht hat er als Vater einfach einen Wettbewerbsvorteil. Trotz allem erschien es, als wäre es für alle Beteiligten genug des Guten – die Heimfahrt am nächsten Morgen wurde nicht nur von den Schülern herbeigesehnt.
Tag 5- Kollegenschelte
Die ganze Woche schon hatte meine Nachbarin beim Frühstück ein Gesundheitsmassaker veranstaltet, wie es Jane Fonda würdig gewesen wäre. Frisches Obst hier, Müsli da, oh, frischen Quark gabs auch noch, dazu ein Tässchen Tee. Daneben ich mit zünftigem Käse- und dann Nutellabrötchen, dazu ein Pott Kaffee, das Frühstück der Gewinner. Auf meine Frage, ob sie denn nicht auch mal wie ein Mensch frühstücken könne, gabs Hiebe. Und nicht nur angedeutet. Die Schulter schmerzte, das Grinsen blieb. Der insgesamt gute Eindruck von den Kollegen aber auch. Muss man ja auch Glück mit haben, wie ich hörte.
Tag 6- Epilog
Einen Tag brauchte ich dann doch, um wieder runter zu kommen. Die permanente Präsenz ist anstrengend. Insgesamt hats aber Spaß gemacht, für die erste Fahrt war das gar nicht so schlecht.




