Heute: Der evangelikale Managementwahn
Ich nenne es Anwendungskonflikt. Oder: Die Verjobbung von Glauben. Was ich meine: warum muss Glaube gelebt werden, als handele es sich dabei um eine dem Berufsleben ähnliche Karriere ? Das fromme Pendat zum säkularen „höher-schneller-weiter“ scheint „tiefer-reifer-reicher“ zu sein. Mittel zum Zweck: Immer irgendwohin „wachsen“, immer irgendwas reflektieren, immer Ziele stecken, Pläne machen, Quartalstreffen absolvieren, Agenden abhaken. Erfolgreich sein. Und ich meine noch nicht mal den simplify-Kram (der aber gut zum Stil passt).
Was ich meine ist die kuriose Diskrepanz zwischen gepredigtem und praktiziertem Glauben. Einerseits das „Alles aus Gnade“, Nichts muss fürs Heil getan werden. Andererseits: Hey, willkommen im Club. Aus Dankbarkeit nun: Hier dein Plan, deine Aufgaben, und dein Ziel: freimachende Christusähnlichkeit. Wobei: wirklich verstanden und gelebt ist Letztgenanntes wohl das höchste Gut für Anhänger des christlichen Glaubens. Dooferweise erfordert es u.a. Eigenverantwortung, Zeit, Muße, Geduld, Bescheidenheit und (dissonante) Erfahrungen, um da hin bzw. in die Nähe zu gelangen.
Es erfordert wohl nicht das Lesen evangelikaler amerikanischer Autoren, die aus drei passablen Gedanken ein ganzes Buch mit unnötigem Anekdotengeschwall machen, sich in Rezensionen gegenseitig lobhudeln und dann als „Bestsellerautoren“ mit exorbitanten Verkaufszahlen und „Autoritäten“ auf diesem oder jenem Gebiet in Deutschland kultisch verehrt oder epigonenhaft nachgeahmt werden.
Es ist auch nicht hilfreich sich vorkauen zu lassen, wie der Tag idealiter gestaltet werden sollte: am besten nur diese oder jene Musik hören, Filme gucken, Bücher lesen etc. pp. – denn das führt nicht zu freigewordenen Persönlichkeiten, sondern zur Abnutzung und Banalisierung von eigentlich Wertvollem („Was, Jesu Tod am Kreuz…klar, normal, tausendmal gehört, außerdem hier hängt er doch am Spiegel“) und zu Systemkonformität. Die hat einige Nebeneffekte, einer davon ist das Schmieren des Getriebes: Wo Menschen „auf Gott hören“ wollen, ist zwei Tage später die Entscheidung gefällt (= Gott hats gezeigt), wo händeringend Mitarbeiter gesucht werden, erklärt sich nach Wochen des Anmahnens und der Beschwerde jemand bereit (= Gott hat ihn berufen).
Auf der Strecke bleiben Leute wie die Freunde mit denen ich am WoE sprach und die mich zu diesem Post inspiriert haben: Menschen, die sich wundern, dass Entscheidungen im Gemeindekontext nachträglich und zeitnah „gottessanktioniert“ werden (ob diese oder jene Aktion wirklich „Gottes Wille“ war, bleibt offen); Menschen, die sich fragen, ob Gottes Wege wirklich in haarklein ausgearbeitete Gemeindeprogramme passen, die keinen Raum für spontane Ereignisse oder Entwicklungen lassen, weil sich das Management der Gemeinde (vielleicht selber gefangen im Kosmos der christlichen Unternehmensliteratur) schon auf den nächsten 5-Jahres-Plan festgelegt hat und eigentlich nur noch nickende Köpfe sehen, aber keine kritischen Stimmen hören will. Menschen, die sich wundern, dass nur dieses oder jenes Verhalten wirkliche „Glaubensleistungen“ konstituiert und für Akzeptanz innerhalb der Gemeinschaft sorgt (die trotz des Imperativs von der Gleichheit vor Gott auch nicht die üblichen Klassenschranken von Status, Bildung, Einkommen und Prestige überwindet).
Schlussendlich tapfere Menschen, weil sie bleiben unds trotzdem versuchen. Denn es hat Jahre gedauert, bis mancherorts die „amerikanischen Verhältnisse“ (erfolgreiche Gemeinde = möglichst große und perfekt organisierte Gemeinde) eingezogen sind, warum sollen in ein paar Jahren die Köpfe nicht wieder freier geworden sein ?


