Mit den Tags ‘Schulalltag’ versehene Einträge
Als „frequent recycler“ von Ringordnern stolperte ich neulich über ein besonders schönes Exemplar, datiert auf das jahr 1994. Es weist den Besitzer als Liebhaber grandioser Bands aus – Dag Nasty, Lemonheads, De La Soul, No FX - einige Skatereferenzen – Santa Monica Airlines, Zorlac Boards, Trasher Magazine, Santa Cruz – geben dezente Hinweise auf die eigentlichen Prioritäten des vermutlich sehr schulgelangweilten Logo-Künstlers.
Für mich ist der Ordner sowohl Produkt der wie auch Metapher für die „Kunst der schulischen Nichtaufmerksamkeit“, wie ich das mal nenne: eine große konstruktive Kompensationsleistung einer durch faden Unterricht evozierten Langeweile. Der Ordner erinnerte mich an ein wohl legendäres Matheheft, dass ich während eines Kurshalbjahres kreiierte, als ich im Unterricht nichts blickte, das Schäkern mit der Sitznachbarin irgendwann langweilig wurde und der Lehrer mir durch seine Provokationen auf die Nerven ging. Also zog ich mich zurück und malte – und zwar so umfassend, so kunstvoll, dass besagte Nachbarin das Heft am Ende des Schuljahres unbedingt mitnehmen wollte. Ich wusste zwar nicht, was sie mit all den Bandnamen und Songtexten anfangen wollte, aber ich erfüllte ihr den Wunsch, nachdem ich noch schnell mein „fecit“ druntergesetzt hatte.
Dies alles spontan erinnert beim Anblick des besagten Ordners, der Grund es zu posten ist auch Neugierde: Wer hat ähnliche Erfahrungen gemacht oder besitzt möglicherweise sogar noch Belege und ergänzt oder postet sie ?
Als Startpunkt hier das erwähnte Exponat:

Lasst von euch Lesen und Gucken
Kategorien: Alltag
Mit Tag(s) versehen: Alltagsgeschichten, Schulalltag, Zur Kunst der schulischen Nichtaufmerksamkeit
Inmitten des Trubels der letzten Wochen erschienen sie mir wie ein schemenhafter Rettungsanker weit entfernt von meinen Zugriffsmöglichkeiten, doch nun stehen sie vor der Tür und erst heute ist mir aufgefallen, wie nötig ich sie habe: friggin´ ferien !!
Das whiteboard wurde sukzessive von dem Lumocolorbeschmierungen bereinigt, Termine für Unterrichtsgestaltungen, Klausuren, eine Exkursion, Referate fürs Studienseminar, Unterrichtsbesuche und sonstige Projekte Woche für Woche abgetragen und nun ist die Katharsis fast perfekt und das Board fast leer. Schade nur, dass es sich FÜR die Ferien wieder füllen wird, aber scheiß drauf, ich genieße gerade den Moment und da ist Weiß die Farbe to go !
Konnte die werten Ref-Kolleginnen also ein wenig verstehen, die sich angesichts der bevorstehenden Ferien glucksend und aufgedreht wie nach zwei Prisen Amphetamin um den Hals fielen – als Nichtanhänger der Bussi-Bussi-Fraktion aber eben nur fast (bin ein Fan von exklusiven Körperkontakten
).
Und sonst ? Die Abiturienten brachten heute die letzten Prüfungen hinter sich, grillten spontan auf dem Schulhof und beschallten das Szenario mit lausiger Techno-Mucke, aber hey: sind ja noch jung, kann ja noch was werden mit dem Musikgeschmack.
Als ich sie so sah, fragte ich mich für einen Moment schon, wie man auf die Idee kommen konnte, nach all dem Stress und Zores irgendwann wieder an diesen Ort zurückzukehren, um die Lehrkraft zu mimen. Aber das ist eine andere Geschichte und überhaupt, der Job hat ja soooo viele Vorteile (einmal hinter die Kulissen schnuppern und jeder Stammtischprimat wäre für drei Leben geheilt) ! Aber das führt jetzt zu weit, wollte ja auch nur mal meine Freude über die Ferien teilen
– done.
Kategorien: Im Referendariat
Mit Tag(s) versehen: Ferien, Mercy is here, Schulalltag
Eigentlich ein ganzes schönes Sinnbild:
Im Obergeschoss nebenan haust ein Kid, das die meiste Zeit vorm Rechner zu verbringen scheint. Ich nutze das Fenster zu allen Tageszeiten gelegentlich zum raus rauchen und gestern abend waren sie zu zweit: freudestrahlende Gesichter, gebannte Blicke auf den Bildschirm, hektische Finger an Maus und Tastatur. Irgendwann die Abwechslung, der Kumpel war dran. Während dieser nun fingerte und machte, wirbelte jener mit fuchtelnden Händen im Hintergrund umher, schlug sich immer wieder auf die Beine und ging im Zimmer auf und ab. War wohl kaum auszuhalten, die Spannung.
Für eine Zigarettenlänge sah ichs mir an, dann kehrte ich – keine 5 Meter Luftlinie von diesem Panoptikum der Glücksgefühle entfernt – an meinen eigenen Schreibtisch zurück, wo Unterrichtsvorbereitung auf mich wartete. Nicht gerade ein Panoptikum der Unglücksgefühle, das nicht. Schöner aber diese Momentaufnahme einer gängigen Herausforderung des Lehrerlebens: der eine tüftelt, der andere vergnügt sich und am nächsten Tag kommen sie zusammen und müssen das Beste draus machen. Was mal mehr mal weniger gelingt.
Oder wer kann davon berichten, beim abendlichen (Schul)aufgabenerledigen von Glücks- und Ekstasegefühlen übermannt zu werden und zwar ohne Zuhilfenahme von Rauschmitteln ?
ps: Gin Tonic ist kein Rauschmittel. Sambuca auch nicht.
Kategorien: Im Referendariat
Mit Tag(s) versehen: Alltagsmetaphorik, Schüler und Lehrer, Schulalltag, Unterrichtsvorbereitung
Sich mit einer Sache oder einer Tätigkeit zu identifizieren ist per se nichts Schlechtes, ja sogar notwendig, um authentisch und mit einer gewissen Begeisterung zu handeln. Wenn sich die Identifikation z.b. mit einer Rolle jedoch ungesund potenziert – und als Resultat eine Art „Überidentifikation“ entsteht – nervt das ungeheuerlich.
Der Lehrerjob bietet hierfür einiges Potenzial und gerade die Referendarsausbildung ist so verorganisiert und gestrafft, dass es nahe liegt, wenn Individuen für einen bestimmten Zeitraum mit ihrer Rolle verschmelzen. Schade dann, wenn eine kritische Rollendistanz ausbleibt und man nur noch im Korsett erlebter Zwänge bzw. Anforderungen agiert, ALLES dem Job unterworfen wird und neben Angst (wie wird der nächste Unterrichtsbesuch, wie das Examen, bekomme ich auch eine Festanstellung ?) eine permante Bedrückung zur Schau getragen wird. Übel auch zu sehen, wie für manche daraus ein spezifischer Kommunikationscode erwächst und sich innerhalb junger Kollegen gefrotzelt und gedisst wird: der gerade mit seiner Ausbildung fertig gewordene Junglehrer macht sich lustig über den noch mitten drin steckenden Referendar, dieser wiederum teilt verbal gegen die anderen Referendare aus und diese – wie in meinem Fall – wundern sich dann über einen solchen Kindergeburtstag.
Im Englischen gibt es den schönen Ausdruck „get a life“ und das scheint mir auch hier nicht unangemessen zu sein – vielleicht werde ich mal eine Gesprächsgruppe anbieten um solch gestressten Individuen die Möglichkeit der alternativen Perspektivenentwicklung einzuräumen
. Als Einstieg würde mir sicherlich dieses Video dienen, welches, wenn auch nur für ein paar Minuten, eine bezaubernde Perspektive der Entspannung und Schönheit ermöglicht.
Daneben gilt es natürlich auch, dem Anspruch kritischer Rollendistanz permanente Gültigkeit zu verschaffen und da bin ich gespannt auf die nächsten zwei Jahre (wenn auch zuversichtlich
) .
Kategorien: Im Referendariat
Mit Tag(s) versehen: Überidentifikation, Entspannung, Rollenverständnis, Schulalltag, Weezer
… sitzt in einer Hospitationsstunde direkt neben einem dazumal sehr streng (bzw. „konsequent“) agierenden Lehrer und lauscht seinen Ausführungen. Die Klasse tut dies ebenso, es ist mucksmäuschenstill. Auf einmal erklingt der Summalarm eines Taschentelefons. Nicht einmal ( sms ?), nein, permanent. Die beiden Jungs in der ersten Reihe greifen instinktiv zu ihren Taschen, doch bei Ihnen summt nix. Der Depp greift errötend zu seiner Tasche, die auch noch auf einem Stuhl steht, der Blick des Lehrers wandert in Zeitlupe nach rechts: „ist das etwa deins ?“ Kleinlaut muss der Depp das Missgeschick eingestehen. Die Klasse gröhlt: „Das gibt einen Kuchen !“ – was an dieser Schule die Regelung für derartige Fälle darstellt. Scheiße. Erwischt (und das bei einem Handy, welches SELTENST angerufen wird !). Als angehende Lehrkraft müssen manche Regeln natürlich vorgelebt werden, also Kuchen besorgen auf die to do-Liste notiert. Am selben Tag sah ich einen Kollegen – den Routinier von neulich – ebenso mit einer Kuchenbox bewaffnet, gen Klassenraum pilgern. Allerdings ist er nicht erst seit zwei Wochen im Amt. Nun denn.
In absentia hatte ich den Kuchen überliefert, die Rückmeldung war gar nicht schlecht: einstimmig wurde in der Klasse beschlossen: der darf wiederkommen ! Auf Dauer wird diese Weihnachtsmannnummer allerdings etwas kostspielig, daher hieß die Lektion: künftig Augen auf beim Einstellungsknauf
.
Kategorien: Im Referendariat
Mit Tag(s) versehen: Mobiltelefone im Unterricht, Schulalltag
Kuriosität im Lehrerzimmer: da leihe ich mir ein paar wirklich ALTE Geschichtsbücher in der Schulbib aus, um sie nach Verwertbarem durchzusehen, lege sie für kaum zwei Stunden auf den Tisch der Referendare, nur um anschließend festzustellen, dass irgendjemand sie abgeräumt hat. Schmunzelnde Gesichter unter den Kollegen, „ja ja, da hatte wohl jemand Putzwut“. Sehr witzig. Also Zettel geschrieben und um sachdienliche Hinweise gebeten, nichts. Dann Nachfrage im Sekretariat, nichts. Anschließend die Bibliothek aufgesucht, um zu erfragen, ob die Bücher dort abgegeben wurden, hier: erstaunte Gesichter.
„Ja, hat Ihnen denn niemand die ALLERERSTE und WICHTIGSTE Regel genannt ?“ „Ähm, nö, wie lautet sie denn ?“ Sie lautete: „Nichts Wertvolles liegen lassen, nirgends, nicht mal in den Fächern !“ Und so wurde ich erstmal aufgeklärt, dass schon Kameras aus Lehrerfächern geklaut wurden, Bücher sowieso, die Krux des Generalschlüssels führte sogar dazu, dass Bücher aus der Bibliothek noch vor Einspeisung ins System schon wieder weg waren. Hallo ? Was war das denn für ne Ansage ? Und was fürn Haufen ? Ok, bei 130 Kolleginnen und Kollegen mag das eine oder andere Schaf dabei sein, dass trotz der Gehaltsstufe A 13 Langfinger macht, aber Generalverdacht ist eine Scheißbrille, mit der mag ich nicht durchs Lehrerzimmer laufen.
Doch kurios ists schon, wenngleich es auch hilfreich war, diese Erfahrung gleich am Anfang gemacht zu haben, mit verhältnismäßig wertlosen Büchern. Drei Schulbücher a 40,- wäre schon sehr viel ärgerlicher gewesen (hätte natürlich auch noch andere Maßnahmen forciert
).
So aber lief es glimpflich, denn die Bibliotheksangestellte quittierte mein Dilemma recht cool mit „Ach, und wenn die Bücher nicht mehr auftauchen, einigen wir uns schon (zwinker, zwinker) !“ Na denn, lesson learned.
Kategorien: Im Referendariat
Mit Tag(s) versehen: Langfinger, Lehrer, Schulalltag
Als taufrischer Studienreferendar widmet man den anfänglichen Löwenanteil der Schulzeit bekanntlich dem Hospitieren. Dabei sitzt man zunächst im Kollegium auf der Lauer, lässt sich Kolleginnen und Kollegen mit Namen und Fächerkombi zeigen, wanzt sich an diese dann heran wie Signal-Vertreter an Beamte auf Probe und füllt mit Glück einen Stundenplan. In der Folgezeit wird dann Unterricht angeschaut und mit gefährlichem Halbwisen (me
) Lehrkräfte, Leistungsniveau der Schülerschaft und andere Facetten des Unterrichtsgeschehens evaluiert. Zwei nette -ich mochte den Kontrast- Besuche erlebte ich jüngst:
Der Rookie ist seit einem Jahr im Amt (Referendar) und zündet ein Feuerwerk an Methoden. An alles ist gedacht, ein Rädchen greift ins nächste, der rote Faden ist nicht nur sichtbar, nein, er GLÜHT vor unseren Augen. Die Schüler sind begeistert, beidseitige Sympathie ist spürbar (neues Schuljahr, neue Klasse) und die gesteckten Arbeitsziele werden spielend generiert. Und wir, die beiden Hospitanten (oder auch „Extremrookies“) sind begeistert. Sehr cool. Vollgeschriebene Zettel mit Inspirationen in den Händen huldigen wir am Ende der Doppelstunde dem Meister. Mal sehen ob wir in einem Jahr auch so drauf sein können.
Szenenwechsel. Unterwegs mit dem Routinier. 30 Jahre im Job, noch ein paar to go. Souveränität und Nonchalance scheinen aus jeder Pore zu strömen. Der Eindruck täuscht nicht. Sehr lässige Präsenz im Klassenraum, wohldosierte Strenge und Süffisance gegenüber den Lernenden, eine 13. Klasse, die das wegsteckt. Man kennt und schätzt sich. Mehr oder weniger. Inhaltlich: didaktische Oldschool. Bucharbeit, Frontalunterricht und große Redeanteile seitens der Lehrkraft. Die wohl anstrengenste und auch anspruchvollste Form Unterricht zu gestalten, paradigmatisch für Materienkenner und Erfahrene, da Stehgreifmonologe die Abrufbarkeit der gesamten Thematik voraussetzen. Auch hier werden Lernziele erreicht, auch hier ist beidseitige Sympathie präsent, auch hier Zufriedenheit auf beiden Seiten. Mal sehen, ob ich mein Siebgehirn in 29 Jahren geflickt haben werde.
Ergo: zwei Pole, drei Dekaden und eine unablässige Entwicklung in between ? dount ju warri! , wie es unlängst auf diesen Seiten mal hieß. Und das ist auch meine Direktive. Alles andere wäre nach vier Tagen auch mal dezent lächerlich.
Kategorien: Im Referendariat
Mit Tag(s) versehen: Hospitation, Schulalltag, Studienreferendar