sukzessive entwicklung zum guten

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Subtil

Mai 2, 2008 · Kommentar schreiben

Das Verhältnis zwischen Brüdern ist bekanntlich nicht immer frei von Spannungen – sie auszuhalten oder auszuagieren daher integraler Bestandteil einer jeden Geschwistersozialisation.

In den Tagen eines länger zurückliegenden Sommers machte ich diese Erfahrung auf charmante Weise. Mein Bruder und ich hatten uns wegen irgendwas gekäbbelt und die Stimmung war gereizt. Es galt, eindeutige Signale zu senden, um dem personalisierten Missfallen Ausdruck zu verleihen. Unser Verhältnis war grundsätzlich ein Gutes, wiewohl durch die klassische Dichotomie „älter – jünger“ gekennzeichnet: ich war der Ältere, der gleichzeitig bewundert und verhasst war – folglich auch eine Reibungsfläche für präpubertares Identitätsfindungsgebahren.

Als Reaktion auf die Zwistigkeiten fand ich eines Morgens eine reichlich vergammelte Bananenschale unter meinem Kopfkissen – ohne Worte und auch ohne Ansprechpartner, denn mein Bruder war unterwegs, wahrscheinlich wohlweislich, denn nur so konnte er sich einem Spontan-Gericht entziehen. Dafür lag nun sein Zimmer in meiner Hand, ein kleiner Raum voller Möglichkeiten zur Revanche. Schnelle Blicke durchstreiften das Zimmer. Seine primäre Identifikationsressource war Skateboardfahren – wo sich in einer Ecke die Sammlung zershredderter Boards türmte, stapelten sich in einer anderen die Ausgaben des Trasher-Magazines, welches auch die Hauptquelle für die Poster war, die die Wände fast nahtlos bedeckten. Gesehen, gedacht, getan – flugs war die Bananenschale mit Stecknadeln (die ohne Kopf) befestigt, hinter einem seiner Lieblingsposter verschwunden. Hehe, es würde Tage, wenn nicht gar Wochen dauern, bis er dahinter kam, was in seiner Bettnähe so seltsame Düfte hervorrief.

Da keiner von uns in der alltäglichen Begegnung auch nur ein Wort über die Sache verlor, stieg die Spannung stetig an. Was kam als nächstes ? Wann würde er es merken ? Würde ich einen Gewaltschrei hören (er war sehr penibel was seine Poster und Hygiene anbetraf), gefolgt von einem handgreiflichen Irrwisch-Auftritt ? Jeden Abend suche ich mein Zimmer ab, doch ich fand nichts, was meine Befürchtungen bestätigte.

Ich hatte die Sache fast schon vergessen, als ich mal wieder eine meiner drei Cds hören wollte. Die kürzlich erworbene Stereoanlage war mein Heiligtum und gedankenverloren betätigte ich die musikgenussrelevanten Aktivierungsknöpfe. Der Auswurf des CD-Spielers öffnete sich langsam und präsentierte eine braun-bröselige Bananenschale, die in scheinbar mühevollster Kleinarbeit dem Fach angepasst worden war. Die geile Sau ! Ich musste lauthals loslachen. Er hatte gewonnen. Grinsend beglückwünschte ich ihn beim Abendbrot zum Sieg. Bananenschalen haben wir nie wieder verwendet.

dfn

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Kontraste

April 28, 2008 · 1 Kommentar

Ich hatte auf eine Kleinanzeige reagiert, weil ich mir ein gebrauchtes Notebook anschaffen wollte. Am Telefon schnell einig, traf ich mich mit dem Verkäufer und angekommen am Übergabeort bot sich mir ein skurriles Setting, das an klischeesicherer Dubiosität kaum zu überbieten war. Der Typ sah aus wie der Rapper Massiv, betrieb in einer Innenstadtklitsche ein Callcenter und seine Freundin war ein runtergehungertes Mäuschen, deren Gesamtumfang von einem seiner muskelbepumpten Arme locker verdeckt wurde. Auf ihrem Arm ein Bündel Schoßhund, in seinem Gesicht ein feistes Grinsen. „Ach du Scheiße“, dachte ich so bei mir, „was für Nummern !“ Aber ich wollte hier ja nicht anbandeln, auch suchte ich keinen Job (obwohl er mir en passant einen schmackhaft machen wollte), also Vorurteile versenken und Sozialkompetenz beweisen.

Er warf die Maschine an, ich prüfte die Funktionen. Alles in Ordnung. Fast – der Akku war defekt, aber er hatte einen Neuen bestellt, den wir noch nur bei der lokalen UPS-Stelle abholen mussten. Ok, dachte ich, guter Deal, und schob ihm die Kohle rüber, ein wenig zögerlich (waren immerhin 1200,-) wohl, denn ein schallendes „Ach, kann er sisch net vom Fett trenne – komm, her damit !“ kam mir entgegen. Grinsend verneinte ich und reichte ihm das Bündel.

Kurze Zeit später saßen wir in seinem Wagen und ich fühlte mich nicht gerade wohl dabei. Stilsicher fuhr der Typ ein ludengetuntes Mercedes-Cabrio. Spoiler überall da, wo sie sein können, Lederausstattung, die Schlappen waren so dick wie der Sound der Boxen, aus dem unorigineller R&B seierte. So cruisten wir durch die Stadt, beschallten unaufgefordert die vorbeitrabenden Passanten, die uns neugierige Blicke zuwarfen. Ein Fels und ein Strich (im Vergleich), er in weiß, ich in schwarz gekleidet. Wir kamen ins Gespräch, weil die Ärmellehne auf meiner Sitzseite aus der Verankerung gerissen war und da sich der Wagen sonst in ziemlich gelecktem Zustand befand, fragte ich nach dem Grund der Kalamität.

Sein Grinsen breitete sich nun vom einen Ende des gegelten Haaransatzes zum anderen aus. „Ach weiste, wenn du dein Girl mal so richtig von hinten nimmst und sie sich mit letzter Kraft an der Lehne festkrallt, kann auch die Wertarbeit von Mercedes nichts ausrichten. Ich mach denen kein Vorwurf !“ Ein reaktionsheischender Blick traf mich, doch ich war abgelenkt: Irgendwie gruselte es mich bei dem Gedanken, mir das bildlich vorzustellen, denn der rein massenmäßig körperliche Kontrast zwischen ihm und seiner Freundin ließ sich – gelinde gesagt – mit dem zwischen einem Bobby-Car und einem Traktor vergleichen. Aber egal. „Ok, nett, haha..“, erwiderte ich daher nur kurz.

Die heitere Stimmung kippte etwas, als er mich fragte, wie es mir so gehe und was ich gerade so mache. Weil wenige Wochen zuvor meine Mutter verstorben war und ich gemeinsam mit meinen beiden Brüdern gerade damit beschäftigt, allerhand Formalitäten abzuwickeln, gab ich ihm die entsprechende Antwort. Er verstummte zunächst, dann aber konzentrierten wir uns auf den eigentlichen Grund unserer Begegnung, zumal wir mittlerweile angekommen waren.

Kurz darauf trennten sich unsere Wege, der Rechner war nur ein Stück Ware, denn was hängenblieb, war diese nett gerahmte Koinzidenz von Leben und Tod.

dfn

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