Religion nur für Schwache ?

Im Jahre 1993 hörte ich das Demotape einer deutschen Punkrockband, das auf einiges Potenzial schließen ließ. Die Band hieß Muff Potter. Zwischenzeitlich nicht weiter verfolgt, entdecke ich kürzlich – 15 Jahre später – die aktuelle Scheibe als Sonderangebot (2,- !) an der Kasse eines Elektrofachgeschäftes – die hatten wohl ihr Klientel falsch eingeschätzt. Für mich ein witziger Backflash, also Scheibe eingepackt und losgehört – Gesamteindruck: ganz geil. Klar haben die Texte zuweilen etwas pathetisches (mit ner Flasche Absolut im Fotoautomat sitzen), aber ok, jedem seine Lebenswelt, zumal die klugen Zeilen dominieren. Eine Songzeile blieb aber doch hängen, entnommen dem Song das seh ich erst wenn ich´s glaube, in dem es heißt „für die Schwachen gibt es Regeln, für die Schwächsten Religion“.

Nun kann man die Provokationseinladung einfach annehmen und angepisst darüber referieren, warum man als religiöser Mensch nicht „schwach“ ist. Oder aber – sine ira et studio – das Argument aufnehmen und diskutieren, warum Schwäche keine Motivation für religiösen Glauben darstellen kann bzw. nicht darstellen sollte. Solch ein Versuch wird hier unternommen (aus christlicher Perspektive).

Die o.g. Zeile erinnert mich an das klassische Argument, Religion diene allein der Kontingenzbewältigung, also der Bewältigung von Zufälligkeit (z.b. menschlichen Erfolgs oder Misserfolgs, des Todes, Krisen etc.), die uns trotz aller Kontrolle und umfassend praktizierter Risikominimierung immer wieder ereilt und ratlos macht. Wenn bestehende Sinnangebote (z.b. Selbstverwirklichung, Konsum bzw. Konsumkritik) nicht mehr greifen, entsteht u.U. das Bedürfnis nach „etwas höherem“, einer wohlmeinenden übergeordneten Instanz. Mit etwas globalerem Fokus formulierte es Jürgen Habermas in einem Dialog [S.27] mit dem damaligen Kardinal Josef Ratzinger wie folgt: „[…] so trifft das Theorem, dass einer zerknirschten Moderne nur noch die religiöse Ausrichtung auf einen transzendeten Bezugspunkt aus der Sackgasse verhelfen könne, auch heute wieder auf Resonanz.“

Religion nur als „Notnagel“ für die Daseinbewältigung zu betrachten lenkt jedoch davon ab auch zu gewichten, welchen Herausforderungen sich der Gläubige aussetzt, wenn er sich dazu entschließt, seine Welt durch den Glaubenswinkel zu konstruieren. Denn er bewegt sich in einem nicht unbedeutenden Maße auf den „Nachtseiten der Vernunft“, wie es der Theologe Friedrich Wilhelm Graf einmal sehr treffend ausgedrückt hat. Dazu gehört, dass eben nicht auf alle Fragen Antworten erfolgen und daraus resultierend auch nicht wirklich eine Erleichterung der Alltagsbewältigung. Vielmehr gehört dazu ein ganz neues Spektrum an Herausforderungen und wäre nicht die alle innerweltlichen Anstrengungen rechtfertigende Jenseitshoffnung, stellt sich die banale Frage, warum man sich überhaupt einen solchen Stress machen sollte. Sich zu reinem Gutmenschentum inspirieren zu lassen gelingt auch ohne Religion. Die Alltagsbewältigung ebenso, da fast immer zwischen einer Sachebene (die der rationalen Erklärungen) und der Deutungsebene (die der religiösen Interpretation) unterschieden werden kann – und manches Mal ist es gar hilfreicher, es bei ersterer bewenden zu lassen (man denke nur an die Thematik der Theodizee).

Solche und andere Zweifel und Ungereimheiten auszuhalten erfordert ein gehöriges Maß an Stärke und Selbstreflexionsfähigkeit, auch Einsichten und Demut. Ist man bereit dies aufzubringen, bietet der christliche Glaube in der Summe ein überzeugendes Deutungsangebot und erscheint mir als sinnvollste Entscheidung zur Rahmung und Ausrichtung von Leben. Schwachheit hat darin seinen berechtigten und auch gewünschten Platz, jedoch sollte die gelebte Schwachheit im wachen Bewusstsein von Mündigkeit verankert sein – sonst drohen die Rattenfänger.

„Life is a battle between faith and reason in which each feeds upon the other, drawing sustenance from it and destroying it.” Reinhold Niebuhr

4 Antworten zu “Religion nur für Schwache ?

  1. Es gibt kein gutes Leben ohne Blasphemie !

  2. Allerdings gibts das !

  3. dominique

    nein gibt es nicht.

  4. Es gibt kein gutes Leben ohne Humor. Aber Blasphemie? Entbehrlich.

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