Kontraste

Ich hatte auf eine Kleinanzeige reagiert, weil ich mir ein gebrauchtes Notebook anschaffen wollte. Am Telefon schnell einig, traf ich mich mit dem Verkäufer und angekommen am Übergabeort bot sich mir ein skurriles Setting, das an klischeesicherer Dubiosität kaum zu überbieten war. Der Typ sah aus wie der Rapper Massiv, betrieb in einer Innenstadtklitsche ein Callcenter und seine Freundin war ein runtergehungertes Mäuschen, deren Gesamtumfang von einem seiner muskelbepumpten Arme locker verdeckt wurde. Auf ihrem Arm ein Bündel Schoßhund, in seinem Gesicht ein feistes Grinsen. „Ach du Scheiße“, dachte ich so bei mir, „was für Nummern !“ Aber ich wollte hier ja nicht anbandeln, auch suchte ich keinen Job (obwohl er mir en passant einen schmackhaft machen wollte), also Vorurteile versenken und Sozialkompetenz beweisen.

Er warf die Maschine an, ich prüfte die Funktionen. Alles in Ordnung. Fast – der Akku war defekt, aber er hatte einen Neuen bestellt, den wir noch nur bei der lokalen UPS-Stelle abholen mussten. Ok, dachte ich, guter Deal, und schob ihm die Kohle rüber, ein wenig zögerlich (waren immerhin 1200,-) wohl, denn ein schallendes „Ach, kann er sisch net vom Fett trenne – komm, her damit !“ kam mir entgegen. Grinsend verneinte ich und reichte ihm das Bündel.

Kurze Zeit später saßen wir in seinem Wagen und ich fühlte mich nicht gerade wohl dabei. Stilsicher fuhr der Typ ein ludengetuntes Mercedes-Cabrio. Spoiler überall da, wo sie sein können, Lederausstattung, die Schlappen waren so dick wie der Sound der Boxen, aus dem unorigineller R&B seierte. So cruisten wir durch die Stadt, beschallten unaufgefordert die vorbeitrabenden Passanten, die uns neugierige Blicke zuwarfen. Ein Fels und ein Strich (im Vergleich), er in weiß, ich in schwarz gekleidet. Wir kamen ins Gespräch, weil die Ärmellehne auf meiner Sitzseite aus der Verankerung gerissen war und da sich der Wagen sonst in ziemlich gelecktem Zustand befand, fragte ich nach dem Grund der Kalamität.

Sein Grinsen breitete sich nun vom einen Ende des gegelten Haaransatzes zum anderen aus. „Ach weiste, wenn du dein Girl mal so richtig von hinten nimmst und sie sich mit letzter Kraft an der Lehne festkrallt, kann auch die Wertarbeit von Mercedes nichts ausrichten. Ich mach denen kein Vorwurf !“ Ein reaktionsheischender Blick traf mich, doch ich war abgelenkt: Irgendwie gruselte es mich bei dem Gedanken, mir das bildlich vorzustellen, denn der rein massenmäßig körperliche Kontrast zwischen ihm und seiner Freundin ließ sich – gelinde gesagt – mit dem zwischen einem Bobby-Car und einem Traktor vergleichen. Aber egal. „Ok, nett, haha..“, erwiderte ich daher nur kurz.

Die heitere Stimmung kippte etwas, als er mich fragte, wie es mir so gehe und was ich gerade so mache. Weil wenige Wochen zuvor meine Mutter verstorben war und ich gemeinsam mit meinen beiden Brüdern gerade damit beschäftigt, allerhand Formalitäten abzuwickeln, gab ich ihm die entsprechende Antwort. Er verstummte zunächst, dann aber konzentrierten wir uns auf den eigentlichen Grund unserer Begegnung, zumal wir mittlerweile angekommen waren.

Kurz darauf trennten sich unsere Wege, der Rechner war nur ein Stück Ware, denn was hängenblieb, war diese nett gerahmte Koinzidenz von Leben und Tod.

 

Eine Antwort zu “Kontraste

  1. carasaysinger

    Eine von den Geschichten, die gut und gern aus einem Film stammen könnten, und irgendeiner sagt dann: „Naja, klar – Drehbuch eben.“

    Kann aber manchmal ganz schön täuschen.

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