Charakterstudien – das feinste Vademecum

Bekanntlich verdanken wir Theophrast die Verwendung des Wortes „Charakter“. Zurück geht es auf sein kleines Büchlein mit dem Titel „Ethikoi Charakteres“, oder deutsch „Charaktere“. In ihm zeichnet er dreißig kleine aber feine Skizzen menschlicher Typen, sehr lebendig und sehr amüsant. Zwischen Schmunzeln und schallendem Lachen forciert die Lektüre unterschiedlichste Reaktionen und da ich kürzlich mal wieder ein Exemplar erhalten habe (mein vor Jahren verliehenes ist nie mehr aufgetaucht bzw. zürückgekommen), hier ein Auszug mit der Empehlung: „Besorgen ! Lesen ! Amüsieren ! Lernen !🙂 – vor allem das gegenseitige Vorlesen während Autofahrten ist SEHR empfehlenswert . Die beste Auswahl an antiquarischen Exemplaren fand ich bei booklooker, siehe mal hier.  Im folgenden aber ein Auszug, benannt

Der Unverschämte

Die Unverschämtheit stellt, will man ihr Wesen bestimmen, eine Mißachtung des eigenen guten Rufes um schmählichen Vorteils willen dar.

Ein unverschämter Mensch sucht, falls er sich etwas borgen möchte, zunächst den auf, den er schon einmal geschädigt hat, dann erst einen anderen. Brachte er den Göttern Opfer dar, so nimmt er bei einem anderen an der Mahlzeit teil, das eigene Opferfleisch jedoch pökelt er ein und bewahrt es auf. Außerdem ruft er noch seinen Diener herbei, reicht ihm vom Tisch des Gastgebers Brot und Fleisch hin und ruft vor aller Ohren: „Laß dir´s gut schmecken, Tibeios !“

Beim Einkaufen von Leckerbissen erinnert er den Fleischer, falls er ihm einmal eine Gefälligkeit erwiesen hat, an dieselbe, tritt dicht an die Waage heran und wirft am liebsten noch ein Stück Fleisch, wenigstens aber einen Suppenknochen darauf; wenn er das Stück bekommt, ist er zufrieden, wenn nicht, schnappt er sich ein paar Kaldaunen vom Tisch und zieht lachend ab.

Für seine Gastfreunde ersteht er das Anrecht auf einen Platz im Theater; doch er selber schaut zu, ohne seinen Teil zu entrichten, und bringt einen Tag später noch seine Söhne samt ihrem Erzieher mit. Von allem, was jemand preiswert eingekauft hat, fordert er auch für sich einen Anteil. Er sucht ein fremdes Haus auf und borgt sich Gerste, bisweilen auch Stroh, und nötigt diejenigen, die ihm das Erbetene ausgeliehen haben, es sich persönlich wiederzuholen.

Er scheut sich auch gar nicht, an die in der Badeanstalt stehenden Kuperkessel heranzutreten, die Gießkanne hineinzutauchen und zu füllen, sich trotz der empörten Rufe des Bademeisters selbst zu begießen und abschließend zu sagen: „Ich habe gebadet !“ Beim Fortgehen bemerkt er dann: „Du schimpfst mich noch aus ? Du hast dir dein Trinkgeld verscherzt !“

Auch sehr schön,

Der Zerstreute

Die Zerstreutheit bedeutet, will man ihr Wesen bestimmen, eine Art von Denkträgheit, die sich im Reden und Handeln äußert.

Ein zerstreuter Mensch rechnet mit den Steinchen und zieht die Summe; anschließend fragt er einen, der müßig neben ihm sitzt: „Was kommt heraus ?“ In einen Prozeß verwickelt und gewillt, zum Termin zu erscheinen, vergißt er es und geht auf sein Feld. Beim Theaterbesuch bleibt er im Zuschauerraum als einziger schlafend zurück. Hat er reichlich gegessen und steht nachts auf, um den Abtritt aufzusuchen, verfehlt er den Weg und wird vom Hund des Nachbarn gebissen. Hat er etwas erhalten und selbst beiseite gelegt, muß er es suchen und kann es nicht finden. Wird ihm der Tod eines seiner Freunde gemeldet, mit der Aufforderung, er möge hingehen, macht er ein trauriges Gesicht, bricht in Tränen aus und sagt: „Aufrichtigen Glückwunsch !“

Erhält er Geld zurück, das man ihm schuldete, ist er fähig, Zeugen einzuladen. Zur Winterszeit kann er sich mit seinem Sklaven herumstreiten, weil dieser keine Gurken eingekauft habe. Seine Kinder nötigt er, miteinander zu ringen und um die Wette zu rennen, und hetzt sie auf diese Weise bis zur äußersten Erschöpfung. Kocht er auf seinem Landgut sich selber ein Linsengericht, streut er zweimal Salz in den Topf und macht das Essen ungenießbar. Läßt Zeus es regnen, preist er das liebliche Funkeln der Sterne; ist es sternklar, behauptet er: „Auch die anderen sagen es: Schwarz wie Pech ist die Nacht !“

Und wenn jemand fragt: „Wie viele Leichen wurden, nach deiner Meinung, zum Heiligen Tore hinausgetragen ?“, so gibt er ihm zur Antwort: „So viele, wie ich mir und dir wünsche !“

Zitiert nach der 1972er Ausgabe des Insel-Verlages (Nr. 971).

gute Nacht,

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