the real deal

Neulich im PoWi-Seminar illustrierten und diskutierten wir anhand famoser Rollenspiele die Bedingungen gelungener Privatverkäufe. Anschließend war Schotenzeit und jeder gab die ein oder andere Erfahrung zum Thema zum Besten. Mir fiel dabei ein Ebay-Deal ein, der es nachträglich verdient als Story verewigt zu werden. So wars:

3…2… im Sack. Korrekt. Nach harten Kämpfen auf der Zielgerade hatte ich gerade erfolgreich ein Auto ersteigert.  Für 350,-  einen Mitsubishi Lancer Station Wagon mit Allrad. Vor einem Monat frisch TÜV und AU bekommen, das machte mir trotz der angegebenen 300.000 Km Laufleistung Mut, die Kiste noch eine Weile nutzen zu können.

Die Formalitäten waren schnell geklärt, eine Anzahlung überwiesen und schon saß ich im Zug gen Tauberbischofsheim. Der Verkäufer wollte mich am Bahnhof abholen. Entspannt las ich mich durch meine Lektüre, so dass die knapp zweistündige Fahrt eher kurzweilig war. Am Zielort angekommen, schaute ich mich um. Kein Verkäufer. Ich wartete ein Weilchen. Immer noch nichts. Nach einer halben Stunde der erste Anruf. Keiner da. Scheiße. Ein Befürchtungstsunami brach über mich herein. Was wäre wenn ( x hoch 43) ?

Es war ein Samstag im Winter, die Straßen leer, der öffentliche Nahverkehr im Sparmodus, was blieb mir außer einem Fußmarsch ? Da ich keine Karte hatte, keine Passanten antraf, die ich nach dem Weg hätte fragen können, lief ich erstmal drauf los, auf der Suche nach irgendwas Zentralem.  Auf einmal eine Polizeistation. Warum nicht, dachte ich und ging hinein.

„Ach ja, der Herr Soundso, ja DEN kennen wir hier. Warum, wie,  WAS haben sie, über Ebay, ein Auto, bei dem ?“ Ich schmolz innerlich zusammen. Es sah ganz so aus, als hätte ich bis zur Schulter ins Klo gegriffen. So nett der Typ per Mail und Telefon rüberkam, so berüchtigt war er vor Ort für seine zwielichtigen Deals.  „Dann wenigstens seine Adresse ?“ – ganz geschlagen geben wollte ich mich auch nicht, hatte schließlich schon einen Hunderter abgedrückt.

Fast eine geschlagene Stunde kauerte ich vor der Wohnungstür eines eingefallen wirkenden Fachwerkhauses in der Innenstadt.  Übte mich als Mentalmacgywer und entwarf Handlungoptionen – was gar nicht so einfach war, angesichts der Dominanz von worst case – Szenarien, die sich zwangsläufig hinter jeden Hoffnungsschimmer klemmten. Dann der erlösende Anruf. „Sorry, hat noch was gedauert, mussten noch was erledigen, meine Freundin holt dich gleich ab !“

Es fühlte sich nicht gut an. Überhaupt nicht. Wir fuhren in Richtung eines Bauernhofes außerhalb der Stadt.  Ich fragte mich, ob ich noch ganz klar sei, mich darauf einzulassen. Sie wirkte nicht sehr vertrauenserweckend, White Trash – Charme vom Allerfeinsten. Wahrscheinlich würden sie mich ganz klassisch abziehen und mich auf irgendeinem Acker aussetzen. Mein Mißtrauen war so groß, dass mir jedes ihrer Worte wie ein gigantische Verschleierungstaktik vorkam. Sei unbesorgt, die Schlachtbank tut nicht weh. Ich war drauf und dran, mich unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand einfach absetzen zu lassen. Scheiß auf den Hunderter. Mein Leben war mir wichtiger.

Dann die Erlösung. Der Hof, eine Garage, der Wagen ! Es gab ihn wirklich, aufgebockt auf einer Rampe, zwei Typen machten sich noch daran zu schaffen. Metalmucke drang durch die Luft, alles wirkte sehr heruntergekommen. Jahre später sollte ich diese Szene wiedersehen, im Film „Broken Flowers“.  Aber ich war nicht Bill Murray. Ich wollte den Deal abwickeln, ich wollte nicht ohne Auto nach Hause fahren.

Im Haus das Geschäftsgespräch. Vier von ihnen, ich allein aber mit vielen Fragen.  „Ja, sie haben gerade noch was am Katalysator geschweist, ja hier und da gibt es noch ein paar kleine Mängel, aber SONST ist alles in Ordnung !“.  Mehr als drei Mal frage ich nach.

Ich wusste es war falsch, aber irgendwie konnte ich nicht mehr zurück, wollte mir die Niederlage nicht eingestehen. Wollte glauben, dass es sich schon irgendwie richten lassen würde, wenn ich nur wieder in heimischen Gefilden wäre, um die Kiste vor Ort nachgucken zu lassen.  Ich wollte einfach nur noch weg. Schnell.

„Das ist doch Steuerhinterziehung, das kannste vergessen, das mach ich nicht !“ – der sonst eine gewisse Zwielichtigkeit nicht entbehrende Mechaniker war irgendwie verstört.  Am Tag nach der Heimfahrt aus TBB machte der Auspuff drag-car-Geräusche und ich ließ es mal nachsehen. Was war: der Katalysator war an so vielen Stellen regelrecht aufgeplatzt, die drübergezogenen Schweißnähte so zahlreich übereinander gelegt, dass er aussah wie ein aufgegangener Hefekuchen. Von der eigentlichen Funktion mal ganz abgesehen. Der Typ hatte nicht Unrecht.  Er kam aber auch wieder runter, die Aussicht auf ein paar Scheinchen half ihm dabei. Na also.

Ein auffälliges Geräusch mag man kaschieren können, bei einer defekten Zylinderkopfdichtung ist das schon schwieriger. Vor allem, wenn der Wagen stand – im innerstädtischen Straßenverkehr ein nicht seltenes Vorkommnis – gabs gar nichts mehr zu kaschieren.  Die Kiste dampfte und qualmte, eine ganze Kreuzung ging im Nu in dichtem Nebel unter. Fortan hatte ich Angst vor Ampeln. Es war eine Frage der Zeit, bis mich erboste Verkehrsteilnehmer aus dem Wagen zerren, oder eine aufmerksame Streife aus dem Verkehr ziehen würde.  So gings nicht.

Auf meine Anfrage, den Wagen wieder zurückzunehmen, reagierte der Verkäufer erwartungsgemäß stur. Weil der Wagen noch auf seinen Namen angemeldet war, wies ich ihn dezent darauf hin, dass ich ihn nicht abmelden würde, wenn er mir nicht das Geld zurückerstattete.  Angesichts der zahlreichen Mängel, die er mir verschwiegen hatte, ein nur faires Angebot. Allerdings nicht für ihn, der seinerseits damit drohte, den Wagen in diesem Fall als gestohlen zu melden und ihn zur Fahnung auszurufen (mit ebenso dezentem Hinweis, WO man suchen könnte).

Ich erkundigte mich beim lokalem Polizeipräsidium nach der Rechtslage und meinen Handlungsmöglichkeiten, doch leider hatte es sich ausmacgywert: Entweder ich überschrieb die Kiste auf meinen Namen oder ich ließ ihn verschrotten. Schade auch. Nach zwei Monaten Leidenszeit entschied ich mich für Letzteres, beim Schrott gabs immerhin noch einen Fünfziger dafür.

Was blieb mir also  schlussendlich, als wenigstens die Ebay-Bewertung als letzte Bastion der Rachenahme und Warnung zu nutzen ?  Leider war die Bewertungsmöglichkeit seinerzeit nicht so differenziert wie heutzugage, auch ist das Feld mit seinen paar Zeichen definitiv zu KLEIN, wenn man wirklich mal was zu sagen hat.

Ich tat trotzdem mein Bestes und der Typ erdreistete sich tatsächlich, mit „seinem Anwalt“ zu drohen, wenn ich die Bewertung nicht zurücknehmen würde. Ungeheuerlich. Für so Typen sollte es Baumschulenebay geben. Nach einer kurzen aber deutlichen Replik hörte ich nichts mehr von ihm, lebte aber noch einige Wochen mit der Erwartung, ungebetenen Besuch eines gewalttätigen Mobs zu erhalten.

Was blieb ? Ein nicht minder abenteuerliches Nachspiel ! Freunde, die einmal eine ähnlich schlechte Erfahrung mit privatem Autokauf gemacht hatten, übergaben mir eines Tages mit mildem Lächeln einen scheingefüllten Umschlag als „kleine Kompensation“. So klein war die aber gar nicht, sondern deckte fast die kompletten Kosten der missratenen Transaktion.

Halleluja  I thought –  what a weird but nice story to tell !

2 Antworten zu “the real deal

  1. 1. Hab mich köstlich amüsiert. Ja ich weiß, dass solle man nicht machen auf anderer Leute ihre Kosten *schäm*
    2. Das nächste mal rufste an wenn du mal wieder was in TBB ersteigerst, ich kann dir Rückendeckung geben😉
    3. Oh ja das Feld bei ebay ist wirklich viiiiiiiiiiiiiiel zu klein wenn man mal was zu sagen hat und alle Wörter abkürzen ist auch doof, dann verstehts keiner mehr.

  2. zu 1.
    Ja, dann schäm dich mal ! Unglaublichste Leiderfahrungen spiegeln die Zeilen wieder, da kann man sich schon mal schlecht fühlen beim witzig finden. Aber im Ernst: freut mich, denn so wars gedacht🙂
    zu 2.
    Das ist fünf Jahre später eine passgenau Info, hehe – lustig aber auch die Vorstellung, was wäre gewesen wenn… aber sollte ich jemals wieder einer -bis dato noch nicht existierenden, aber hey, nix gegen TBB ! – solchen Versuchung erliegen, sag ich dir natürlich Bescheid, umgekehrt kann ich dir Gießen anbieten !
    zu 3.
    Ist wohl wahr, hab seinerzeit abgekürzt wie bekloppt, hat mich fast eine halbe Stunde gekostet, hier sinnvolle Infos zu formulieren – leider wird der Kram bei Ebay ja nicht dauerhaft gespeichert, hätte mich doch noch mal interessiert, was ich da geschrieben hatte…

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