Kuriosfetisch Sprache

Eigentlich war ich wie immer neugierig,  zudem wollte ich auch mal wieder was für meinen Kopf tun. So wünschte ich mir einen sozialwissenschaftlichen Sammelband zum Geburtstag [Oktober], erhielt ihn zu Weihnachten und begann kürzlich, ihn anzulesen.

Ein wundersamer Backflash ereilte mich, denn ich hatte ganz vergessen, wie schön sozialwissenschaftliche Sprache sein konnte ! Dinge, die man schon immer wusste, Dinge, die man intuitiv schon immer erahnte und Dinge, von denen man noch nie gehört hatte, beschrieben und umschrieben, analysiert und bedeutungssatt aufgeladen in und mit einer blumenreichen Sprache der schönsten Verquersprachmetaphern, wie sie, mit Verlaub, so schön wahrscheinlich nur SozialwissenschaftlerInnen hinbekommen. Ich wurde ganz wehmütig und dachte verträumt an meine Doktorandenzeit, in der es Teil des Jobs gewesen war, sich fast permanent mit solchen Lesegenüssen zu vergnügen.

Ich wäre natürlich ein Schuft an dieser Stelle kein Beispiel folgen zu lassen, daher hier: Auszug aus dem Vorwort [S. 10] des Buches „Konsumguerilla. Widerstand gegen die Massenkultur„, Herausgegeben von Birgit Richard und Alexander Ruhl, erschienen im Campus Verlag.

Zwischen den Polen eines ostentativ gelebten Lifestyle- und Markenkults als Zeichen von Dynamik und Leistungsfähigkeit einerseits und hartnäckiger Konsumverweigerung andererseits eröffnen sich dabei vielfältige Deutungsmöglichkeiten, gerade auch bei Phänomenen, die nicht eindeutig dichotom gedachten Extremen zuzuordnen sind und somit einhergehende Analysen verdienen.

Diese Betrachtungen unter dem Begriff der Konsumguerilla zu bündeln, betont den Ehrgeiz von Individuen, als hegemonial erlebte Konventionen nicht unreflektiert hinzunehmen, sondern stattdessen ihre eigene Version der kollektiven Zeichen einer Kultur sowie der zugehörigen Bedeutungen zu konstruieren und die modifizierten Symbolgehalte mehr oder weniger offensiv zu kommunizieren. Es geht folglich nicht primär um spektakuläre Aktionen, denn subversives Handeln kann durchaus beiläufig, bescheiden oder gar unbemerkt geschehen, wenn vor allem die im Vollzug von praktizierten Aktivitäten liegenden Reize ausgekostet werden. Der persönliche Mehrwert liegt dann im Handeln, möglicherweise gerahmt von einer bestärkenden, vielleicht auch verschworenen Gemeinschaft, die ihre Interessen mit einer Art sportlichem Antrieb verfolgt. Im Hinauswachsen über präfigurierte Nutzungsweisen werden gemeinsam Grenzen ausgelotet, Erfahrungen geteilt, normale Abläufe irritiert oder auch bewusst Reaktionen provoziert. Nochmals herausgefordert wird solcher Eifer von einer Umwelt, in der Konsumgüter, oder Gegenstände allgemein, eine schier universelle Initialfunktion für soziale Prozesse darstellen. >Materielle Partizipanden des Tuns< (Hirschauer 2004: 73) werden dabei selten sortenrein, so wie sie sind, als hinreichend gesehen. Dinge und mit ihnen gekoppelte Nutzungsskripte unterstützen vielmehr das >Branding< der eigenen Individualität und des unverwechselbaren, souveränen Lebensstils. Sie sind Kommunikationsanlass und geteilter Bezugspunkt für zuzurechnende Verhaltensweisen.

Was dieser Auszug andeutet, sind kluge Analysen zum gestellten Thema. Die  vier oder fünf Beiträge die ich bisher las, erfüllten diesen Anspruch auch, zudem gabs interessante Dinge zu lernen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s