Der unbarmherzige Samariter

Neulich auf dem Nachhauseweg, einige Kilometer vor der Stadtgrenze. Am Rand der Bundesstraße steht ein alter roter  2er Golf, das Warnblinken signalisiert ein Malheur, ein kleiner Junge, der um das Auto herumturnt, mangelndes Verantwortungsbewusstsein. Oder großes Vertrauen.

Wahrscheinlich liegengeblieben, der Fahrer holt schon Hilfe – denke ich mir – und fahre weiter. Einige viele Minuten später kommt mir auf der gegenüberliegenden Seite ein dynamisches Duo entgegen. Ein Mann, noch nicht ganz mittleren Alters, rennt die Straße entlang, in der Hand wild schwenkend einen Benzinkanister. Die andere Hand gipfelt im ausgestreckten Daumen, der, rücklings auf die Straße gerichtet, den zwei-Fliegen-mit-einer-Klappe-schlag-Plan enthüllt.  Ein paar Meter hinter ihm ein kleines Mädchen. Kommt gerade so mit.

Ich fahre vorbei, nehme die Szene war, der klassische Denkimpuls: Ah, hier kommt die Rettung, der kleine Junge wird bald eingesammelt, die Fahrt weitergehen. Ob wohl jemand anhält und die beiden aufsammelt?  Ein Impuls weiter: Du *****, hallo? Wieso jemand? Und nicht du?

Ein u-turn und einige hundert Meter später halte ich an und nehm sie mit. Wahrscheinlich wirke ich wenig vertrauenserweckend mit meiner Sonnenbrille, deren große Gläser an Puck die Stubenfliege erinnern. Zumindest schaun mich beide so seltsam an.  Einmal losgefahren, beginne ich mit dem Versuch, ein wenig Konversation zu machen.  Da ist zunächst der Anschnallbefehl. Hab keine Lust auf das nervtötende Wagensignal, daher hopp hopp! festgezurrt. Wortlos gehorchen sie meiner Aufforderung, die Kleine mit großen Augen. Ich lächle freundlich.  Ob er der Besitzer des roten Wagens ist? Und der Vater des Jungen? Ist ihm der Sprit ausgegangen? Und ach, der Sohn sollte eigentlich IM Auto warten? Uh oh. Und oh Mann, ist mir auch mal passiert, hinter ner Kurve auch noch, die Wagen stauten sich vor dem Warndreieck, bis endlich ein Freund mit einem Benzinkanister vorbeikam! Und überhaupt, schon seltsam so doof zu sein, die anderen Verkehrsteilnehmer hätten mir wahrscheinlich gehörig in den Hintern getreten, wenn sie den Grund meiner Panne gesehen hätten… und, bei ihnen, jetzt, was war los, und oh.. wir sind da!

Die Ampel ist rot, ich kann problemlos drehen und die beiden rauslassen. Dann die Analyse: Es lief alles so intuitiv, erst jetzt bemerkte ich, welchen Psycho-Eindruck ich wohl gemacht haben musste. Sah ganz verstört aus, der arme Kerl. Ob es erfolgreiche Therapieansätze gegen spontane Verbaldiarrhoe gab?

Glück im Unglück:

Viele Stunden später, beim abendlichen Einkauf. Ein kurioser Zufall. Auf dem Aldi-Parkplatz der rote Golf, VIER kleine Kinder steigen aus. Der Vater sieht mich, die Tochter auch. Wir tauschen Blicke. Und versuchen zuzuordnen. Gelingt mir recht schnell, bei den beiden ist es schwerer. Ich bin ein anderer, so ohne Brille,  mit anderem Hemd und in Begleitung. Ist mir ehrlich gesagt auch lieber, so als Phantom. Nach dem Auftritt.

6 Antworten zu “Der unbarmherzige Samariter

  1. Schöne Anekdote.
    Respekt, macht nicht jeder !

  2. Das hoffe ich doch🙂 !!

  3. Ich weiß nicht, was ich sagen soll…
    Super Einsatz von Dir! Ich hätte dem glaub auch das Ohr abgelabert um ihn nicht anzuschreien, wie verantwortungslos das war, den Jungen alleine zu lassen…
    was hätte der gemacht, wenn der Junge weg gewesen wär?

  4. Hm, wollte mich eigentlich gar nicht in der Lobhudelung meiner altruistischen Ader sonnen🙂, denn neben meiner mir angeborenen Freundlichkeit war es eine Kombination aus verschiedenen Faktoren die zur philantropischen Großtat führten: ich hatte Zeit und keinen Termindruck irgendeiner Art, außerdem waren wir erst neulich selber mit dampfenden Motor und durchgebranntem Anlasser, aber ohne Mobiltelefone liegen geblieben und ein freundlicher Radfahrer half uns aus; einen alten möhrigen 2er Golf hatte ich auch mal und die Nummer mit leerem Tank ist mir auch nicht nur 1x passiert.. Der Typ war wohl auch davon ausgegangen, dass sein Sohn im Wagen bleiben würde (wie die beiden anderen, noch kleineren Kinder).. die sauberste und sicherste Lösung wäre hier wohl gewesen, jemanden anzuhalten und ihn oder sie zu bitten, den Sprit zu besorgen. An dem Tag hätte ich auch das gemacht.

  5. Find deine Reaktion vollkommen barmherzig. Das letzte Mal, als ich zwei Anhalter aufgelesen habe, habe ich sie wenig später aus gegebenem Anlass mitten in der Pampa wieder rausgeschmissen.
    Mich würde jetzt nur interessieren: Warum diese Brille, warum dieses Hemd?:)

  6. Dabei hast du das ultimative Anhalteraufpickunddanngemütlichweitercruisenmobil! Zu deinem Interesse: Warum nur hab ich das Gefühl, dass sich dabei um zwei rhetorische Fragen handelt😉 ? Aber gut: Leser fragen, ich antworten: Die Brille weil die Sonne geschienen hat, der Hemdwechsel, weil es später um einiges wärmer war – von Langarm (grün-weiß gestreift) zu Kurzarm (blau-schwarz-was-weiß-ich-kariert).

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