Warum ich ganz froh bin nicht Deutschlands bekanntester Blogger zu sein. Sequenzen eines Urlaubs.

I.

Ich hatte diese Gestik eine ganze Weile schon nicht mehr gesehen. Eine Mischung aus Aufregung, peinlich berührt sein und Mitteilungsdrang, gepaart mit leichter Aggression, da die Adressatin – vermutlich seine Frau – nicht gleich kapierte, warum er so aus dem Häuschen war. Da sie uns entgegenkamen, liefen wir mitten in die Szenerie herein. „Das isser, das isser!“ Vier Familienmitglieder standen verquer vor dem Speicher im Hafen von Stralsund herum, eine seltsame Habachtstellung einnehmend, so als ob gleich irgendwas Großes passieren sollte. „Wo? Wer? Was meinst du, Schatz?“ „Na, da im Auto da sitzt er!“ Die Blicke der ahnungslosen Familienmitglieder folgten seinem verhaltenen Fingerzeig. „Der hat aber komische Haare!“ „Mann, das ist doch sein Markenzeichen!“ Der Mann stob davon als befürchtete er, der von ihm Erkannte  könnte gleich aus seinem Wagen springen und ihn der peinlichen Situation überführen. Mein Blick schweifte hinüber zum Objekt der Aufregung. Deutschlands bekanntester Blogger saß seelenruhig in einer -these days- etwas anachronistisch wirkenden Limousine und tippte irgendwas. Eine junge Dame auf dem Beifahrersitz blickte gelangweilt aus dem Fenster. Naja, wird wohl Urlaub in Echtzeit machen, dachte ich, dankbar dafür, nicht gleich darüber berichten zu müssen, wie das kolossale Ozeaneum Stralsunds von innen aussah.

  Dem Imperativ gefolgt, aber nicht vom besten Bier bekehrt.

II.

Wahrscheinlich war es die Strafe dafür, die schöne Ostsee in der Lübecker Bucht bei Barendorf in Mecklenburg-Vorpommern durch wiederholtes Wasserlassen kontaminiert zu haben. Auf dem Rückweg zum Parkplatz meldete sich der Harndrang erneut, die Suche nach einem abgelegenen Ort am Rande eines öffentlichen und selbst in den frühen Abendstunden noch gut bestückten Parkplatzes entpuppte sich als nicht allzu leicht. Der Erleichterung folgte allerdings die Ernüchterung. Oder anders gesagt: Eine Ekelflash allererster Güte.  Denn da war schon jemand vor mir gewesen. Von der Sonne geblendet und physischer Not abgelenkt, hatte ich es nur nicht bemerkt.  Doch nun konnte ich das Dilemma nicht nur riechen, sondern auch SEHEN. Ohne es wissen hatte ich mir eigentlich gewünscht, den Satz „standing in other people´s shit“ für mich niemals in Anspruch nehmen zu müssen. Ich bekam eine Ahnung, was Waschzwang bedeuten konnte. Aber nicht alles ließ sich retten: Zur Unfeier des Tages opferte ich meine geliebten Teva-Sandalen auf dem blaubetüteten und fast berstenden Altar deutscher Ordnungsliebe.

Dreifarbig, flach und windig: Boddenlandschaft bei Barhöft

III.

Ein Besuch der Altstadt Lübecks erscheint wie der Besuch in einem Freiluftmuseum des Mittelalters. Der historische Stadtkern ist phänomemal erhalten, die kreisförmige Anlage der Stadt -malerisch umgeben von ruhigen Gewässern-ermöglichte selbst einem Orientierungsprimaten wie mir sicheres Geleit. Eine Häuserreihe schöner als die nächste, zahllose Kneipen und Restaurants in nettesten Winkeln und eine Bevölkerung, die an lauen Sommerabenden in manchen Straßenzügen im positiven Sinne vor den Häusern herumlungerte. Als kulinarische Highlights blieben zwei in Erinnerung: Zum einen das „Hieronymus“ in der Fleischauerstraße, zum anderen die „Weinstube Haase“ in der Glockengießerstraße. Die touristischen Höhepunkte der Stadt erfährt man in der Touristinfo der Stadt, wo freundlich und hilfsbereit beraten wird. Eher ein Antihighlight ist Travemünde. Die Radfahrt von Lübeck nach Travemünde ist noch ganz angenehm, der Ort selbst erscheint wie ein touristisches Verbrechen an der Stadt, daher hier mal der Mantel des Schweigens drüber.

Häuserzeilen fotografieren ist doch langweilig!
VW1600 in der Altstadt Lübecks.

IV.

Weil wir keine Lust darauf hatten, am Ende des Urlaubs 8 oder 9 Stunden lang Auto zu fahren, legten wir auf dem Rückweg noch einen Halt in Halberstadt ein, auf den ersten, zweiten und dritten Blick der maximale Kontrast zu den vorab besuchten Tourihochburgen. Still und leise präsentierte sich das Viertel, in dem wir logierten, rund um den Dom. Halberstadt kam uns in den Sinn, da dort seit 2001 eine eigenwillige Interpretation eines John Cage-Stückes aufgeführt wird: Organ2/ „As Slow As Possible“ – eine Komposition, gestreckt auf 639Jahre. Valide und ausführliche Infos gibts hier, eine ganz anschauliche Dokumentation inkl. Bild- und Tonimpressionen da. Um die Finanzierung des Projektes zu unterstützen, werden zu je 1000,- Tafeln verkauft, mit denen man je ein Jahr des Betriebs pekuniär übernehmen kann. Auch nicht uninteressant war es, im Haus des Literaten, Sammlers und „heavy social networkers“ (im 18.Jh. = ausführliche Briefkontakte!) Johann Wilhelm Ludwig Gleim die Vorläufer von Facebook schon im 18. Jahrhunderts anzusehen, den sog. „Freundschaftstempel“ im Gleimhaus.



Die Inszenierung der eigenen Unsterblichkeit?

V.

Ich stand friedlich wartend am Wagen auf dem Parkplatz des lokalen Riesensupermarktes, als sich eine mehrköpfige Familie näherte. Aufgeregt blickte die Mutter in meine Richtung und tuschelte etwas zu ihrer Familie. Hinter vorgehaltenen Händen wurde gedruckst, eine Tochter zeigte mit dem Finger in meine Richtung. Ich drehte mich herum und erblickte einen Landstreicher, der behäbig seine Tütenarmada hinter sich her schleifte. Dann hörte ich Worte. Die Lautstärke unterdrückt, irgendwie gepresst klang es, aber noch zu vernehmen, auch aus meiner Entfernung.  „Das ist doch sein Markenzeichen!“ sagte jemand. „Mag sein, aber wer um Himmels willen ist das?“

Schmunzelnd schlief ich wieder ein.

6 Antworten zu “Warum ich ganz froh bin nicht Deutschlands bekanntester Blogger zu sein. Sequenzen eines Urlaubs.

  1. da kann ich nur schreiben „sehr schön“

  2. ..und ich nur „danke schön!“ – ach, nach so nem Urlaub ist man so angenehm entspannt und freudsam🙂.

  3. und wenn ich den Lobo sehen will schlage ich den Spiegel auf😉

  4. So did I – nur zwangsweise😉.

  5. Strompreisvergleich

    Die Entblockung des Strom Anbieter Marktes hat es zu Händen den Endverbraucher fast unmöglich gemacht, den Überblick im Kontext (von) den Stromtarifen zu behalten. Ein Vergleich der STromanbieter ist da durchaus Sinnvoll.

  6. Ganz ganz herzlichen Dank für den qualifizierten Beitrag zum Thema! Mehr davon.

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