Die Exkursion

Weil eine Kollegin für eine 1tägige Studienfahrt nach Straßburg noch etwas menschliches Füllmaterial für einen sonst zu kostspieligen Reisebus benötigte, willigte ich als verantwortungsvoller Tutor ein, meine Klasse nach Straßburg zu begleiten. Die fachliche Organisation wurde von der Französischlehrerin des Kurses übernommen, ich brauchte mich also um nichts zu kümmern. Hieß es. Was zunächst ein Trugschluss war, denn der Nervorgakram (Geld einsammeln, Elternerlaubnis fürs selbstständige Herumstromern einholen) blieb an mir hängen. Doch schon auf der Busfahrt breitete sich wohlige Entspannung aus.  Da es genug Plätze gab, hatte jede/r der begleitenden Lehrkräfte eine Sitzbank ganz für sich. Im Abschalten nicht ungeübt, wähnte ich mich schon bald als zufällig per Anhalter mitgenommener Zaungast, der den Geräuschtrubel geflissentlich überhörte.

Vor Ort dann die Teilung: Alle selbstständig unterwegs, und da es auch keine zwanghaften „wir als Lehrer gehen jetzt zusammen“-Erwartungen gab, entpuppten sich die nachfolgenden Stunden als unverhoffter Urlaubstag. Also zunächst auf ins Tomi-Ungerer-Museum in die Avenue de la Marseillaise, eine kurzweilige Angelegenheit (und damit Besuchstipp), umso mehr versüßt, weil die Kassensysteme defekt waren und ich mir so den Heiermann Eintritt sparen konnte. Natürlich fühlte ich mich schlecht, die lokale Ökonomie nicht angemessen unterstützt zu haben, und so setzte ich die Ersparnis nach dem Museumsbesuch – zwischenzeitlich wärmte die Sonne die Gassen – gleich für ein Bierchen und Crepes in Jimmys Pub um. Eine äußerst fragwürdige Entscheidung, denn selten hab ich so schlechtes Bier (Pelforth) und Crepes (undefinierbar) genossen. Nichts wie weg.

Nach gemütlichem Herumstreunern auf dem Antik- und Bücherflohmarkt (letzterer witzlos, da ich kein Französisch spreche) fand ich den Weg in ein heimeliges Nebenstraßencafé, wo die Kaffeetassen nicht klinisch weiß, sondern volkstümlich bunt, der Kuchen aber gruselig war. Was machte ich bloß falsch ?

Während also geschäftige Einheimische von hier nach da eilten, Horden von Touristen  sich durch die schmale Gasse drückten oder entspannte Einheimische und verfressen aussehende Studenten ihren Kuchen- und Sandwichbedarf deckten, war ich in ein Buch vergraben, dessen Lektüre mir immer wieder spontane Lacher entlockte, woraufhin mich Passanten entweder a) überrascht b) entgeistert c) feindselig, d) niemals aber freundlich (!? WTF !?) anblickten.

Besagtes Büchlein, gedruckte Extremkurzweil auf knapp 250 Seiten, trägt den Titel „Föhn mich nicht zu„, den Untertitel „Aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer“ und ist vom Autor Stephan Serin. Er beschreibt darin hauptsächlich die Erfahrungen seines Referendariates, und da das bei mir ja so lange nicht her ist, konnte ich vieles noch SEHR GUT nachempfinden. Sympathisch ist die Attitüde kein Blatt vor den Mund zu nehmen, gleichwohl hab ich mich an manchen Stellen schon gefragt, ob das so amtlich ist, wie z.B. die verbalen Ausfälle eines Lehrers, dem „Biolehrer Raute“,  gegenüber einer scheinbar eher einseitig begabten Schülerin:

Zu einer Schülerin, die sich sehr aufreizend kleidete, meinte er sogar, nachdem sie zum dritten Mal in Folge daran gescheitert war, einen sprachlich keineswegs anspruchsvollen Arbeitsauftrag – Lest den Text und fasst den Kreislauf des Wassers in Stichpunkten zusammen! – halbwegs fehlerfrei vorzulesen: Hör mal zu, du Lutschlolita! Wenn dein Lesevermögen nur halb so groß wäre wie deine Titten, dann müsstest du dir um deine Versetzung keene Sorgen machen. Das Mädchen hatte nur verlegen gekichert, sich aber nicht beschwert. [S.47]

Natürlich kriegen auch die Lehrer ihr Fett weg, ganz schön liest sich das in einem Kapitel zum Thema Jugendsprache:

Angesagte Musiker wurden als endgeil, porno, tight oder mörder bezeichnet, Stars, die out waren, als voll assig. Einen Schüler, der sich am unteren Ende der Klassenhierarchie befand, sah man als Opfa oder Toy. Lehrer waren schizo und wurden wegen ihres Alters Kadaver genannt, in einer größeren Ansammlung als Krampfadergeschwader. Der immer elegant gekleidete und mit spitzen Lippen und distinguiert schrägem Kopf durch die dreckigen Flure eilende Herr Menz war wegen seiner Homosexualität voll gaylord. Ich wurde aufgrund meiner Größe abwechselnd als Bonsai oder Nabelküsser tituliert. Herr Rauter, der zuviel redete, föhnte die Schüler zu. Die magenkranke und auch sonst überall leidende Frau Flach hatte Mundgulli und Gesäßhusten, also einen schlechten Atem und Blähungen. […] [S.31]

Das Buch wirkt zwar an vielen Stellen, als vermische sich Fakt und Fiktion, aber der Autor mit dem ansprechenden Vornamen macht das so gekonnt und lesefluffig, dass es gar nicht auffällt.  Als ich es am Ende des Tages ausgelesen hatte, fühlte ich mich jedenfalls irgendwie inspiriert.

 

 

 

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